08. Oktober 2020

„Partizipation als Schlüssel für menschliches Miteinander“


Buchbesprechung – Der Saarbrücker Studierendenpfarrer hat einen Predigtband herausgegeben, dessen Texte von Studierenden (mit) erarbeitet wurden

In der Evangelische Studierendengemeinde Saarbrücken (ESG) bildet das spirituelle Leben einen maßgeblichen Arbeitsschwerpunkt. Nicht nur werden regelmäßig Gottesdienste in den eigenen Räumlichkeiten gefeiert. Die ESG beteiligt sich auch an den regelmäßigen Universitäts- und Hochschulgottesdiensten, die während den Vorlesungszeiten stattfinden. Es gibt eine Arbeitsgruppe aus Studierenden, die sich mit der Vorbereitung der gottesdienstlichen Angebote beschäftigt, Predigten und Fürbitten werden gemeinsam erarbeitet.

 

Was das Ziel beziehungsweise eigentlich die Grundlage dieser Arbeit ist, bringt Matthias Freudenberg, Studierendenpfarrer in Saarbrücken und Herausgeber des Bands „Lass das Feuer wieder brennen“, bereits im Vorwort zum Ausdruck: Es geht darum, nicht nur für, sondern vor allem mit Studierenden zu predigen - Studierenden aus ganz verschiedenen Fachrichtungen, Studierenden ohne oder mit wenig Glaubenspraxis und Grundlagen. Sie zu begleiten und mit ihnen Angebote intensiv vorzubereiten, sieht Freudenberg als seine Aufgabe an. Wie vielfältig die Ergebnisse sein können, kommt in der Publikation zum Ausdruck.

 

27 Predigttexte sind in dem 160 Seiten umfassenden Taschenbuch enthalten. Sie wurden zwischen 2013 und 2020 in Gottesdiensten und Andachten vorgetragen. Jede Predigt oder Ansprache bildet ein eigenes Kapitel. Die Mehrzahl ist in der „klassischen“ monologen Erzählform gehalten, andere sind aus verschiedenen Perspektiven und mit verschiedenen Sprecherinnen und Sprechern oder in Dialogform gehalten. Die Reihenfolge richtet sich nach den biblischen Texten, denen die jeweiligen Reden zugrunde liegen. Für Theologinnen und Theologen mag das eine logische Reihenfolge sein, für ein breiteres Publikum hätte sich vielleicht eher eine chronologische oder eine thematische Sortierung angeboten. Sucht man ein bestimmtes Thema wird man schneller fündig: Randglossen bringen die wesentlichen Thesen der einzelnen Abschnitte auf den Punkt.

 

Mindestens so interessant wie die Themen sind die Anlässe, zu denen die Ansprachen gehalten wurden. Vielfach sind es Hochschulgottesdienste, also Gottesdienste, die sich – nicht nur, aber doch insbesondere – an Angehörige der Universität richten. Daneben finden besondere Anlässe Berücksichtigung, beispielsweise ökumenische Gottesdienste. Ein Highlight ist sicherlich die Morgenandacht zur grenzüberschreitenden Reformationssynode, die von den Kirchenkreisen Saar-Ost und Saar-West sowie den Kirchenbezirken Homburg und Zweibrücken im Reformationsjubiläumsjahr in der Aula der Universität des Saarlandes veranstaltet wurde.

Die titelgebende Predigt „Lass das Feuer wieder brennen“ findet sich im letzten Kapitel des Bands. Es handelt sich um den Verkündigungsteil des Eröffnungsgottesdienstes zur ökumenischen Nacht der Kirchen Saar am Pfingstsonntag 2018. Dieser Gottesdienst wurde von der Evangelischen Studierendengemeinde und der Katholischen Hochschulgemeinde gemeinsam vorbereitet und gestaltet.

Gerade dieser Beitrag gibt einen guten Eindruck, wie die gemeinsame Erarbeitung der Inhalte im Team aus Geistlichen und Studierenden ablaufen kann. Denn es sind die Gedanken und Erfahrungen der jungen Frauen zum Heiligen Geist, die im Mittelpunkt stehen. Die Studentinnen gewähren einen sehr persönlichen Blick auf ihren Glauben und ihre eigene Interpretation der Pfingstgeschichte.

Der Verkündigungsteil endet mit einem selbstgeschriebenen Gedicht der muslimischen Poetry Slammerin Äya Zitouni. Schon vor der Veranstaltung gab es damals Beschwerden darüber, warum eine Muslima in einem christlichen Gottesdienst zu Wort kommen sollte. Antwort: Sie wirkte als Studentin mit, nicht primär als Muslima; aus Interesse an kulturellen Themen, nicht als Glaubenszeugnis.

 

Ein angemessener Schluss, denn genau das möchte der Predigtband aufzeigen: Arbeit mit Studierenden ist etwas ganz Eigenes. Wie der Campus einer Universität sind auch die Studierendengemeinden nicht selten Potpourris. Die jungen Menschen, mit denen es ein Pfarrer oder eine Pfarrerin zu tun hat, kommen aus ganz verschiedenen Ecken Deutschlands (und nicht selten der Welt), sie haben unterschiedliche Hintergründe und haben andere Ziele. Ist der ESG, wie in Saarbrücken, ein Wohnheim angeschlossen, ist es nicht einmal notwendigerweise der Glaube, der die Studierenden unter dem Dach der Hochschulgemeinde zusammenbringt.

 

Studierendenpfarrer Freudenberg hat die Vorbereitungsarbeit und die intensive Auseinandersetzung mit biblischen Inhalten mit den Studierenden offensichtlich genossen. Mehr noch, er sieht sie als Grundlage für den Gedankenaustausch auf einer Metaebene, wie ihn Kirche und Universität bieten können.

Mitwirkung nicht nur zulassen, sondern sie als lebensrelevant anzusehen, ist für den Herausgeber der Schlüssel zu einer zukunftsfähigen Kirche. Insofern bietet der vorliegende Band nicht nur Anregungen für die kirchliche Arbeit, sondern auch ein klares Plädoyer für eine basisnahe, zielgruppenorientierte Theologie.

 

                                                                                   Rieke Eulenstein

 

Info zur Publikation:
Freudenberg, Matthias: Lass das Feuer wieder brennen. Predigten und Ansprachen mit Studierenden, Solingen 2020, foedus Verlag, 160 Seiten, ISBN: 978-3-938180-72-3, 12 Euro. Der Band kann beim Verlag bestellt werden: info@foedus-verlag.de

 

 





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