10. Juli 2019

Eine-Welt-Laden in St. Wendel: "Mit fairem Handel Gutes tun"


Die Nachmittagssonne des Sommertages taucht das winzige Ladenlokal in St. Wendel in warmes Licht. Leuchtend bunte Schals aus Baumwolle und Seide, Körbe und Taschen, Kunstgegenstände, Schmuck, Kaffee, Tee, Gewürze, Schokolade und viele andere Produkte warten liebevoll präsentiert auf Käufer.

Doch die lassen heute leider mal wieder auf sich warten. Allgemein hat es der Einzelhandel heutzutage bekanntlich schwer. Selbst Geschäften in bester Innenstadtlage bleiben die Kunden weg, die rund um die Uhr schließlich alles, was das Herz begehrt,  bequem vom heimischen Sofa aus im Internet bestellt können.  Und wie schwer tut sich da erst so ein kleiner Laden, der „Eine Welt Laden St. Wendel“. Er liegt nicht günstig für Laufkundschaft, sondern ist in einem Gebäude der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde St. Wendel, gleich neben der Stadtkirche, untergebracht. 


Hier kommt keiner mal eben zufällig vorbei, hierher muss man sich schon gezielt aufmachen. Die angebotenen fair gehandelten Produkte sind naturgemäß etwas teurer als herkömmliche Supermarktware – manchem vielleicht zu teuer. Zudem gibt es fair gehandelte Ware, etwa Kaffee oder Schokolade, anders als noch vor ein paar Jahren, heute fast an jeder Straßenecke, sogar beim Discounter. Und doch behauptet sich der „Eine Welt Laden in St. Wendel“ bereits seit mehr als einem Vierteljahrhundert:  Im Oktober wird er 30 Jahre alt. Angesichts der aktuellen Herausforderungen müsse man allerdings ganz schön erfinderisch sein, um den Laden am Leben zu erhalten, erzählen die 1. Vorsitzende des Vereins, Pfarrerin Christine Unrath, und Isabelle Klein, die an diesem Nachmittag für den Verkauf eingeteilt ist. 

 

Hilfe für ein karitatives Projekt in Brasilien 

 

Aber alles schön der Reihe nach und erst einmal zurück auf Anfang: 1989 gründete der damalige St. Wendeler Pfarrer Jan Eckhof mit einigen Mitstreitern den Verein „Eine Welt Laden St. Wendel e.V.“, um Hilfsprojekte in der sogenannten Dritten Welt zu fördern. Seit 20 Jahren unterstützt der Verein mit seinen Mitgliedsbeiträgen, Spenden und eben dem im Laden erwirtschafteten Erlös ausschließlich ein Projekt: das Begegnungs- und Bildungszentrum „açao encontro“ im südbrasilianischen Novo Hamburgo, der Partnergemeinde der St. Wendeler Kirchengemeinde. Hier werden etwa 120 Kinder unterrichtet, bei den Hausaufgaben unterstützt und bekommen Förderunterricht. Vor allem aber bekommen sie – in den Favelas nicht selbstverständlich –  zwei warme Mahlzeiten täglich. Für Jugendliche und Erwachsene werden Elektronikkurse, Back- und Nähkurse angeboten. Es gibt eine Tischlerei und eine Kleiderkammer. Und mit den St. Wendeler Zuwendungen konnte sogar ein Kleinbus angeschafft werden.

 

„Immer wieder machen wir auf diese konkrete und unmittelbare Unterstützung von Menschen aufmerksam, die durch unseren Verein und das Lädchen ermöglicht wird“, sagt Unrath. „Wir können nur dann Kunden gewinnen und binden, wenn wir vermitteln können, dass wir auf zweierlei Weise Gutes tun. Zum einen tragen wir dazu bei, dass die Erzeuger unserer Produkte ein angemessenes Einkommen erhalten. Zum anderen verschaffen wir mit unseren Geldern Menschen Zugang zu Schul- und Berufsausbildung und ermöglichen ihnen so,  ihre Lebenssituation zu verbessern“.  

 

Es besteht ein persönlicher Kontakt zwischen den St. Wendelern und den Verantwortlichen in Novo Hamburgo rund um Pastor Carlos E. Müller Bock und seine Frau Valéria. Man besucht sich gegenseitig. 2018 war das Ehepaar Müller Bock in St. Wendel und 2020 wird Pfarrerin Unrath mit einer kleinen Delegation nach Brasilien reisen. Vor Ort kann man nachvollziehen, wie sich die Arbeit im Zentrum entwickelt und  – ganz wichtig – kann davon zuhause berichten und somit  vielleicht weitere Menschen für das Projekt gewinnen und begeistern.

 

10.000 Euro im Jahr für Novo Hamburgo

Selbstgestecktes Ziel des Vereines, so führt Unrath weiter aus, sei die Überweisung von 10.000 Euro im Jahr nach Novo Hamburgo. Eine geradezu astronomisch hoch anmutende Summe, vor allem angesichts der Tatsache, dass in der vergangenen Stunde nur zwei Menschen den Laden betreten haben. Ein Mann fragte nach der Kleiderkammer der Kirchengemeinde und ein anderer nach dem Fahrer des Wagens, der ihn am Ausparken hinderte. Keiner von beiden hat etwas gekauft. 

 

„Na ja, in den letzten zwei, drei Jahren haben wir diese 10.000 Euro tatsächlich bei weitem nicht mehr erreicht“, bedauert Isabelle Klein, die nicht nur als Ladnerin, so werden die ehrenamtlichen Verkäuferinnen genannt, arbeitet. Sie ist auch die Kassenführerin des Vereins und legt die finanziellen Karten auf den Tisch: „Im letzten Jahr beliefen sich die Mitgliedsbeiträge unserer 63 Mitglieder auf rund 1000 Euro, an Spenden kamen etwa. 3.000 Euro zusammen und aus dem Verkauf wurden etwa 1.100 Euro erlöst. Um auf die 10.000 Euro zu kommen, mussten wir wieder die Rücklagen angreifen.“ Ganz klar: So kann es nicht lange weitergehen.  

 

Strategien für die Zukunft

Also müssen Ideen zur Umsatzsteigerung her. Zwar bezieht die Kirchengemeinde ihren Kaffee für Bewirtungen ausschließlich im „Eine Welt Laden“. Kleine Präsente, etwa zu Geburtstagen von Gemeindemitgliedern, kauft Pfarrerin Unrath ebenfalls konsequent im Laden. Man bietet Gutscheine und individuell gestaltete Präsentkörbe an. Einmal im Monat wird ein Verkaufsstand beim sonntäglichen Kirchenkaffee nach dem Gottesdienst aufgebaut;  man ist präsent auf Stadtfesten, Gemeindefesten und Weihnachtsmärkten in St. Wendel und Umgebung. In besonderen Gottesdiensten wird die Arbeit des Vereins thematisch in den Blickpunkt gerückt. Doch all das reicht noch nicht. „Wir versuchen auch, unsere Konfirmanden verstärkt an das Projekt heranzuführen. So schärfen wir das Bewusstsein der jungen Leute für die Wichtigkeit unseres Engagements. Und die Jugendlichen tragen die Idee des Projektes in ihre Familien hinein, so dass wir weitere Menschen erreichen“, sagt Klein.  

 

Doch für die Zukunft, da sind sich die beiden Frauen sicher, müssen tragfähige Netzwerke auch über die kirchengemeindliche Ebene hinaus geknüpft werden. Mit Schulen zum Beispiel. Mit dem St. Wendeler Cusanus-Gymnasium ist man bereits in Kontakt und erste Erfolge zeichnen sich ab: Die Müsliriegel für das Sportfest wird die Schule im „Eine Welt Laden“ kaufen. Auch mit dem Landkreis St. Wendel, der Fairtrade-Landkreis werden möchte, wird man das Gespräch suchen und Möglichkeiten der Kooperation ausloten.

 

Nicht nur die Finanzlage bietet Grund zur Sorge. Es wird auch zunehmend schwieriger, Ehrenamtliche zu finden. 14 Frauen und ein Mann stemmen derzeit den Ladendienst. Wenn da einer seine Schicht absagen muss, wird’s schnell brenzlig.  Christel Schmitt, seit 19 Jahren engagierte Ladnerin,  schaut spontan herein. Ihre Gelassenheit und ihr Optimismus sind unerschütterlich. „Stimmt schon, manchmal wird es eng. Aber bisher haben wir noch immer alles hingekriegt“, sagt sie und lacht.

 Gegen Ende meines Besuchs betritt eine ältere Dame den Laden. Sie fragt nicht nach dem Weg. Braucht keine Auskunft. Wurde nicht zugeparkt. Sie kauft ein.

Andrea Reinmann

 Eine-Welt-Laden St. Wendel e.V., Beethovenstr. 1, 66606 St. Wendel, T 06851-2521

  • Spenden auf das Konto DE25 5929 1000 0000 3069 40 sind willkommen

 

 





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