11. Oktober 2020

Die Paul-Gerhardt-Kirche wird 60


Kirchenjubiläum - Zum Reformationsfest des Jahres 1960 wurde die „Neue Kirche“ in Wellesweiler in Dienst genommen.

Ein typisches Kind der 60er Jahre ist sie, die Paul-Gerhardt-Kirche in Wellesweiler. Ein Kind ihrer Zeit sowohl in gesellschaftlicher als auch in architektonischer Hinsicht.  Obwohl es in der damals noch selbständigen Evangelische Kirchengemeinde Wellesweiler (heute ein Bezirk der Evangelischen Kirchengemeinde Neunkirchen) schon seit vor dem ersten Weltkrieg immer wieder Bestrebungen gab, einen neuen Kirchenbau anzugehen, war Mitte der 50er Jahre endlich die Zeit reif, das Projekt in die Tat umzusetzen. Dies hatte nicht nur gemeindeinterne Gründe, sondern ist auch den sozio-kulturellen Entwicklungen der Nachkriegszeit zu verdanken. In allen Zeiten war zu beobachten, dass während und nach Kriegszeiten mit Not und Elend die Menschen verstärkt Trost in ihrem christlichen Glauben suchen. So haben im deutschen Wiederaufbau der Nachkriegszeit neben Behausungen und Betrieben auch Kirchen und Betsäle ihren festen Platz. Zwar war in Wellesweiler mit der kleinen Barockkirche in der Dorfmitte noch ein nutzbares Gotteshaus vorhanden, doch dieses platzte mit steigender Bevölkerungszahl vor allem bei Festgottesdiensten aus allen Nähten. Es kam sogar vor, dass etwa bei Konfirmationen der Besucherandrang nicht mehr bewältigt werden konnte und Menschen vor der Kirche warten mussten.  Es wurde immer klarer: Eine neue Kirche musste her.

Die konkreten Planungen für den Kirchenneubau begannen in den frühen 50er Jahren unter dem damaligen Gemeindepfarrer Heinrich Schmidt. Zur Unterstützung der Finanzierung des Großprojektes gründete sich 1955 ausgehend vom Männerwerk der Kirchbauverein, der monatlich die enorme Summe von 110.000 Franken aufbrachte, was damals der Kaufkraft von etwa 850 DM entsprach. Zum Vergleich: ein Industriearbeiter verdiente Mitte der 50erJahre im Durchschnitt ca. 500 DM monatlich. Am 25. August 1957 war es dann so weit. Die Gemeinde mit Schmidts Nachfolger Pfarrer Hermann Hahn an ihrer Spitze konnte den Grundstein zum Neubau legen.  

Mit der Planung war ein ausgesprochen renommierter Architekt beauftragt worden: der Saarbrücker   Rudolf Krüger. Krüger brachte umfangreiche Erfahrung im Kirchenbau mit und war auch in Neunkirchen kein Unbekannter. In den Jahren 1926-30 war unter seiner Leitung das Wichernhaus erbaut worden, 1949 hatte er den Wiederaufbau der stark zerstörten Christuskirche geleitet und unmittelbar vor dem Auftrag für die neue Kirche in Wellesweiler war nach seinen Plänen die Pauluskirche fertig gestellt worden. 

Er entwarf für Wellesweiler einen Bau ganz im Stile seiner Zeit, der sogenannten Nachkriegsmoderne.  Dabei stellte die extreme Hanglage des Bauplatzes eine echte Herausforderung dar. Doch Krügers eleganter Entwurf überwand nicht nur die geographische Schwierigkeit, sondern schaffte es sogar, aus der Not eine Tugend zu machen.  Von der Talseite aus sind die Kirche und der ihr gegenüber freistehende Glockenturm weithin sichtbar, den talseitigen Giebel schmückt ein Eisenkreuz. Hinter der Kirche, zur Süd- bzw. Talseite, liegt eine große Wiese, die bis heute gerne genutzt wird in der Kinder- und Jugendarbeit oder auch für Open-Air-Gottesdienste wie beispielsweise den Reisesegengottesdienst im Sommer.  Der Kirchenbau, ein flachgiebeliger, schlichter Hallenbau, spricht mit allen seinen Gestaltungselementen die Formensprache seiner Zeit. In der streng vertikal gegliederten Nordfassade flankieren je fünf schmale und fast firsthohe Fensteröffnungen rechts und links das Eingangsportal.  Die Hanglage gab die Gestaltung des Innenraumes vor. Ähnlich einem antiken Amphitheater ist er zum Altarraum hin abgetreppt; die Bänke rechts und links der zentralen Treppe sind schräg gestellt. So wird schon beim Eintritt das Auge des Besuchers auf das Wesentliche, auf den Altarraum gelenkt. Diese Anordnung hat nicht nur visuellen Reiz, sondern auch akustische Vorteile:  Der Klang kann sich voll und ungehindert im gesamten Raum ausbreiten.

Die Gestaltung des Kirchenraumes kommt, ebenfalls ganz typisch für die frühen Sechziger, mit ausgesprochen reduzierter Ornamentik aus. Der Baseler Künstler Albert Schilling fertigte die Prinzipalstücke wie Altarkreuz, Leuchter und Taufschale aus schwarzem französischem Schiefer. Das Wandsegment hinter dem auf drei Stufen erhöht stehenden Altar ist ebenfalls mit schwarzem Schiefer verkleidet, in den in rotem Mosaik das Alpha und Omega eingelassen sind.

Schmuckelement im eigentlichen Sinne sind die Fenster. Es sind 14 an der Zahl, jeweils fünf an den Längsseiten des Schiffes, eines in der Taufecke, eines im Chor sowie je ein fünfrippiger Komplex rechts und links des Eingangsportals.  Der Heidelberger Gaskünstler Harry Mac Lean hat die Fenster im Jahre 1962 entworfen, gestaltet wurden sie in bleigefasstem Antikglas von der Straßburger Firma Ott Frères. Interessant aus heutiger Sicht sind die Kosten: 900 DM erhielt der Künstler für seine Entwürfe; die handwerkliche Arbeit kostete rund 2000 DM. Dargestellt sind in abstrahierendem, kubistischen Stil biblische Szenen aus dem Altem und Neuen Testament.  In satten Edelsteinfarben leuchten die Hochzeit zu Kana, die Taufe Jesu, die Feuersäule in der Wüste, Christi Auferstehung, die Speisung der Fünftausend, die Feuersäule in der Wüste und die Arche Noah mit Regenbogen, um nur einige zu nennen.

In den 60 Jahren ihres Bestehens erfuhren Kirche und Glockenturm mehrfach Renovierungen und umfangreiche Sanierungen.  Bereits 1973, 13 Jahre nach der Einweihung der rund 430.000 DM teuren Kirche, zeigten sich bereits gravierende Schäden an den tragenden Stahlbauelementen der Betonkonstruktion. Eine umfangreiche Betonsanierung am Turm und an Teilen der Kirche musste vorgenommen werden. Doch diese Sanierung konnte wohl das Übel nicht an der Wurzel beseitigen, so dass schon vier Jahre später erneut nachgebessert werden musste. Das Ende der Fahnenstange war auch das nicht.  Etwa 165.000 DM wurden im Jahre 1993 in eine grundlegende Stahlbeton-Sanierung investiert, die am Turm, an den Gewänden der Kirchenfenster und im Eingangsbereich der Kirche durchgeführt wurde. Abgesehen von diesen großen Sanierungsmaßnahmen wurde immer wieder mal ein frischer Anstrich aufgebracht, zuletzt in diesem Sommer, nach der Anschaffung der neuen elektronischen Orgel im vergangenen Herbst.  

Doch zurück ins Jahr 1960. Wie glücklich und stolz waren die Evangelischen in Wellesweiler, als sie zum Reformationsfest ihre „Neue Kirche“, die erst seit Pfingsten 2010 den Namen „Paul-Gerhardt-Kirche“ trägt, einweihen konnten. Ganze vier Tage wurde gefeiert. Am 30. Oktober gab es eine kurze Abschiedsfeier von der alten Kirche in eben dieser, danach zog die Gemeinde zu Fuß zur Neuen Kirche, wo zunächst in einem feierlichen Akt im Freien die Schlüsselübergabe stattfand, bevor ein Festgottesdienst gefeiert wurde. Am Reformationstag wurde ein abendlicher Gottesdienst gefeiert, an den folgenden beiden Tagen wurde zur Theateraufführung und zum Konzert eingeladen.

Gisela Ehrmanntraut, die sich bis heute ehrenamtlich engagiert, war damals 21 Jahre alt. Sie erinnert sich: „Alle haben sich so gefreut, eine neue Kirche zu haben. Wir waren alle so stolz, so ein schönes, neues Gotteshaus zu haben. Das ging sogar so weit, dass wir in den Anfangsjahren noch nicht einmal eine Putzfrau brauchten. Die Frauen aus dem Dorf haben das Saubermachen freiwillig und gerne übernommen. Jede war stolz, so ihre Dankbarkeit und Freude zum Ausdruck bringen zu können.“

Eigentlich wollte der Gemeindebezirk Wellesweiler das Jubiläum im Rahmen des Gemeindefest Ende August feiern – doch Corona machte auch diesem Plan einen Strich durch die Rechnung.

                                                                                 Andrea Reinmann





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